"Swingin' Pipes"

 
"Wissenschaftliche" Informationen ;-)

Wie die Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ - in einer ihrer April(!)-Ausgaben - berichtete, hat ein amerikanisches Forscherteam unlängst entdeckt, dass sich im Putz, in den Tapeten und in der Patina historischer Gebäude, in denen in früheren Jahrhunderten viel musiziert wurde (Kirchen, Schlösser etc.), im Laufe der Zeit zahlreiche Spuren der damals live aufgeführten Musik - ähnlich den Tonspuren in Schallplatten - eingraviert und bis heute erhalten haben.

Es gelang sogar, mit speziell entwickelten, komplizierten technischen Verfahren diese äußerst fragilen Tonspuren aus den Wänden herauszudestillieren, die restaurierten Originalklänge auf Tonträger zu bannen und für die Archivierung und weitere Verarbeitung zu digitalisieren – ein sensationeller Glücksfall für die Musikwissenschaft!

Auf diese Weise konnten wertvolle neue Erkenntnisse zur historischen Aufführungspraxis gewonnen werden. Zwar war schon immer von Musikern aus dem Jazz- und Popbereich konstatiert worden, dass vor allem Johann Sebastian Bach bereits viele typische Harmoniefolgen vorweggenommen hat, die sich heute in der populären Musik wiederfinden.

Bei der Auswertung der originalen Tondokumente stellte sich nun aber sogar heraus, dass Bach & Co., wenn sie in die Tasten griffen, häufig durch eine Band begleitet worden waren, und dass die damals gebräuchlichen Instrumente und Rhythmen viel moderner klangen als bisher angenommen.

Da die barocken Begleitmusiker ihre Parts vollkommen frei improvisierten, sind Noten nur vom jeweiligen Orgelpart erhalten, so dass das Wissen um die originale Aufführungspraxis völlig in Vergessenheit geriet. Damit bestätigte sich das, worauf es vor diesem Fund nur vereinzelte vage Hinweise gegeben hatte:

So wunderten sich die Musikwissenschaftler immer schon über den Ausspruch des Bach-Zeitgenossen und Rektors der Thomasschule in Leipzig, Johann Matthias Gesner, der seinen berühmten Kollegen Bach beim Orgelspiel beobachtet und begeistert berichtet hatte, „wie der Rhythmus ihm dabei in allen Gliedern sitzt!"

Auch die Tatsache, dass der Orgelbauer Klausing, der im 18. Jahrhundert unsere Orgel schuf, den Mittelturm des Gehäuses nicht etwa mit einem sanft an der Harfe zupfenden Engel, sondern mit einem herzhaft zuschlagenden Drummer krönte, spricht für sich.

 

Der Orgelbauer Klausing muss übrigens ein großer Fan von Johann Sebastian Bach gewesen sein, denn es ist sicherlich kein Zufall, dass er am Gehäuse insgesamt 14 singende und musizierende Engel bzw. Engelsköpfe anbringen ließ: drei obenauf, je einen auf den beiden Flügeln und unterhalb der beiden äußeren Pfeifenfelder, sowie sieben kleinere direkt unterhalb des oberen Kranzgesimses. Die Zahl 14 galt nach dem barocken Zahlenalphabet als Bachs Code-Signatur: B+A+C+H=2+1+3+8=14!

Für die in loser Folge erklingenden vergnüglichen Orgelkonzerte unter dem Titel "Swingin' Pipes" stellt Jost Schmithals aus den oben erwähnten originalen Tonspuren aus der Barockzeit immer wieder neue Rhythmuspatterns zusammen, zu denen er vornehmlich Orgelwerke von Johann Sebastian Bach spielt.

Das hat zwar den Nachteil, dass in diesen Konzerten ein Teil der Musik aus der Konserve kommt, bietet aber die Möglichkeit, die Stücke endlich auch einmal wieder in ihrer "Originalgestalt" zu Gehör bringen zu können.

Ergänzt werden die Programme meist durch für die Orgel adaptierte Kompositionen aus dem Jazz- und Bigband-Bereich, bei denen vor allem die recht "rustikal" klingenden Zugenstimmen unserer Orgel (Nachbauten der Originalzungen von Klausing) voll zum Einsatz kommen.

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